Die 'Enshittification' von Whatsapp

27.09.2023

Enshittification Whatsapp Tech

Lesedauer: 5 Minuten

Vor einigen Tagen hat Whatsapp die Statusseite in “Aktuelles” umbenannt und die Funktion “Kanäle” eingeführt. Und plötzlich finde ich in dem Messenger, in dem ich mit Freunden und Verwandten kommuniziere Empfehlungen für Profile von Leuten, die ich nicht kenne und die mich nicht interessieren. Und es gefällt mir nicht.

Kanäle kennt man bereits von Telegram, wo sie von Verschwörungserzählern, Covid-Leugnern, Reichsbürgern und Rechtsextremen genutzt werden, um ihre Gefolgschaft zu erreichen. Und bestimmt auch von einigen normalen Leuten, die sich einfach nur mit anderen Menschen verbinden möchten, die Welt ist ja nicht nur schwarz und weiß.

Natürlich dachte sich Meta, diese Funktion muss ebenfalls in unser Produkt rein! Auch wenn sie das Potential hat, ebenso problematisch zu werden wie die Kanäle auf Telegram (und vielleicht noch mehr, weil Whatsapp zumindest in Deutschland eine wesentlich breitere Nutzerbasis hat). Aber mit dem Anheizen sozialer Unruhen kennt sich Facebook ja gut aus, und was soll schon schlimmes passieren?

Auf jeden Fall finde ich seit einigen Tagen in meiner Whatsapp-App jetzt die Empfehlung, doch den Kanälen vom BVB, FC Bayern, Montanablack oder Turkish Airlines, um nur einige zu nennen, zu folgen.

Will ich das? Nein.

Kann ich das abstellen? Nein.

Wird das künftig noch aufdringlicher und aggressiver werden? Sowas von!

Und damit ist die ‘Enshittification’ von Whatsapp in vollem Gange.

Was ist Enshittification? Und wie könnte man das auf Deutsch nennen? Scheißifizierung vielleicht? Der Begriff stammt von Cory Doctorow, er bezeichnet damit den Niedergang von bekannten Plattformen:

Here is how platforms die: first, they are good to their users; then they abuse their users to make things better for their business customers; finally, they abuse those business customers to claw back all the value for themselves. Then, they die.

I call this enshittification […]

Das letzte Opfer dieses Prozesses (aus meiner ganz persönlichen Sicht) ist Whatsapp, aber für mich waren die eh schon lange angezählt, zum einen wegen des unerträglichen Gebarens von Facebook, das mittlerweile ganze Bücher füllt, und zum anderen weil sie schon seit Jahren immer wieder andeuten, dass sie in Whatsapp irgendwann Anzeigen schalten wollen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es so weit kommt.

Jedenfalls hat mich das dazu gebracht, mal ein bisschen über die Vergangenheit nachzudenken… in meinem letzten Post hab ich ja etwas über meinen bevorzugten Messenger aus der alten Zeit geschrieben, ICQ.

ICQ war großartig, hatte ein simples Interface, man konnte mit seinen Freunden chatten und das wars.

Wirklich?

Zu Anfang ja, die Oberflächen der frühen ICQ-Versionen waren schlicht und funktional. Kontaktliste, Chatfenster für jeden Kontakt, Fertig.

ICQ begann 1996 als Projekt eines kleinen israelischen Startups namens Mirabilis, das aber schon 1998 von einem der damals größten Konzerne, AOL, übernommen wurde. Zu Anfang blieb der Messenger noch schlicht und auf seine Kernfunktionalität beschränkt, aber seit Anfang der 2000er wurde die Oberfläche dann zunehmend quietschbunter mit immer mehr Blingbling und unnützem Zeugs, Anzeigen, irgendwelche Online-Spiele etc., bis die App quasi unbenutzbar war und die Nutzer zu anderen Plattformen migriert sind. ICQ wurde dann irgendwann an ein russisches Unternehmen verscherbelt und existiert in Russland auch bis heute weiter.

Und irgendwie sieht die Geschichte von Whatsapp sehr ähnlich aus. Gegründet als kleines Startup und dann für eine perverse Geldsumme von einem riesen Tech-Konzern übernommen. Zu Anfang blieb die App noch so, wie sie war und hat sogar einige sinnvolle Funktionen bekommen (Ende-zu-Ende Verschlüsselung etwa), aber seit einiger Zeit widmet sich Meta verstärkt der “Weiterentwicklung” der Plattform, und seither wird das Nutzungserlebnis beständig schlechter (aus meiner Sicht).

Und jetzt frage ich mich, ist dieser Prozess unvermeidbar? Passiert das mit allen bekannten Plattformen irgendwann? Und was tun wir als Nutzer dagegen?

Ich kann jetzt Whatsapp verlassen und auf Signal und Threema ausweichen, die ich beide auch schon nutze und die beide noch recht “unverbastelt” sind und sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren, aber bleibt das auch so? Niemand kann mir garantieren, dass die Betreiber dieser Plattformen sich nicht morgen auch dafür entscheiden, mir Anzeigen zu servieren oder mir irgendwelche Profile reindrücken wollen, denen ich nicht folgen will. Und dann?

Sind wir dazu verdammt, für den Rest unseres Lebens von Plattform zu Plattform zu migrieren, weil alles irgendwann vor die Hunde geht und durch Feature Creep und Enshittification unbenutzbar wird?

Im Moment fällt mir keine Antwort auf die Frage ein.

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